Wenn Katzen mehr Rechte als Menschen haben. Was ist aus Deutschland geworden?

Bei uns Menschen sieht das schon anders aus: Ausgang war bislang nur eine Messgröße für Inhaftierte und Soldaten. Nun trifft es uns alle und Ausgangssperren bzw. Ausgangsbeschränkungen verbieten uns längst nicht nur das Fangen von Mäusen nach einer bestimmten Uhrzeit. Als wohlbehütete, mit Vollpension und Streicheleinheiten verwöhnte Katze hat man es wahrhaftig gut getroffen. Wer an Reinkarnation glaubt, darf es sich gern wünschen…

Doch was wünschen sich Menschen, die in der sozialen Arbeit tätig sind und mit allerlei Nöten und Sorgen – sich in der Corona-Zeit erheblich zuspitzend – konfrontiert werden?

Zunächst ein Zitat aus einer Denkschrift, die die Leiterin einer Mutter-Kind-Einrichtung im Verbund des Vereins Lebensperspektiven e.V. im Angesicht ihrer Pandemie-Erfahrungen verfasst hat.

„All das, was im Rahmen des SGB VIII entwickelt wurde um die Kinder zu sehen und den Familien Hilfe zu bieten wird auf ein Minimum runtergefahren. Die Kinder werden wortwörtlich „nicht gesehen“, sie sitzen in ihren Systemen und sind gefangen. Keiner sieht, was nun in den Wohnungen geschieht, aber schockiert ist die Gesellschaft dann, wenn die Medien berichten, welche fürchterlichen Ereignisse in Familien geschehen. Die Mitarbeitenden des Jugendhilfesystems erleben eine unglaubliche Not und Hilflosigkeit ihrer Klienten und die Angst vor der Ungewissheit.

Zitatende. Das klingt noch zu abstrakt? Das hört sich an wie in einer sachlichen Reportage?

Nun gut, dann machen wir die Tatsachen konkreter und nehmen den Charakter einer Dokumentation an.

Möglicherweise sollen unsere Kinder besser in Bethäusern lernen da hier die Hygienestandards auf eine zusammentreffen on 100 Erwachsen unberücksichtigt bleiben dabei begleitende Kinder unter 14 Jahren.

Es kommt zu Nebenwirkungen des „Jeder bleibt zuhause“. „Wann werde ich meine geliebten Eltern wiedersehen können?“ fragen sich die Jungen und Mädchen. Sie leiden unter der Ungewissheit. Sie leiden still oder weniger still. Gefühle in Worte zu fassen ist oft nicht leicht. Deswegen werden Trauer, Ungewissheit und Verzweiflung anders sichtbar. Das Ausreißen von Haaren und das Einkoten bei Kindern, die an der Schwelle zum Jugendlichen stehen, können – ja müssen – wir berichten. Tränen fließen und fast schon flehende Briefe, geschrieben von Kindern in holperiger Sprache und doch sehr ausdrucksstark, lesen wir.

Lässt uns das unberührt angesichts der Notwendigkeit der Virenabwehr? Sicher nicht. Verlassen uns jetzt die Beispiele? Sicher auch nicht, doch den Rahmen zu sprengen, ist nicht unser Ziel. Tatsächlich befinden wir uns in einem Spagat… und ein langer Spagat fängt an, wehzutun… nicht nur beim Bodenturnen. Unser bildlicher Spagat liegt wie ein Dilemma darin, einerseits den größtmöglichen Infektionsschutz zu gewährleisten und andererseits die sozialen Bedürfnisse der uns anvertrauten jungen Menschen nicht zu übersehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir sind keine Querdenker oder Verschwörungstheoretiker. Wir sind eher Realisten, die aus der Praxis für die Lebenswirklichkeit das Wort ergreifen, ohne dabei den eben erwähnten schmerzenden Spagat nicht mehr zu spüren.

Tatsächlich sehen wir uns eher als Längsdenker: Das bedeutet, dass wir versuchen bis zum Ende zu denken, was natürlich ein eher illusorisches, wenngleich bemühtes, Ziel ist. Wir möchten alle Beteiligten mitnehmen, die Kinder, Jugendlichen, Menschen mit Behinderung und von uns begleitete Familien. Niemand soll übersehen werden, vor allem nicht die Menschen, die keine Lobby haben und sich quasi in Eigenregie nicht äußern können. Gern bieten wir uns als Partner im Dialog an: Als Berater für Politiker, Berichterstatter für Medien oder einfach als Mitbürger. Die Idee, die Kinder zum Spielen in die freikirchlichen Bethäuser zu schicken – denn dort gibt es noch die Chance auf Treffen in großer Gemeinschaft – verwerfen wir lieber jetzt schon.

Zum Abschluss ein Hinweis auf ein von Kindern gemaltes Bild, das lächelnde Gesichter zeigt und auf dem zu lesen ist: „Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Das gilt eben nicht nur für die Katze und die Maus… wobei es eher aus Sicht der Katze zutreffend sein dürfte. Menschen brauchen dreidimensionale soziale Kontakte!

Wem das Gesagte zu emotional und vielleicht übertrieben erscheinen mag, der sei daran erinnert, dass das sich aus Verzweiflung Haare ausreißende Mädchen in der Wirklichkeit unserer sozialen Arbeit gerade durch ihre Emotionalität den Maßstab der Realität setzt.

Immerhin bleiben die Frisöre geöffnet… vielleicht hilft das ja.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Lebensperspektiven e.V.